Archiv der Kategorie 'gespickt, zitiert, geklaut'

Worte ohne Antifa

Diesen sehr lesenswerten Artikel habe ich vor wenigen Wochen in der Jungle World auf dem Weg zu einem Festival an der Nordsee gelesen. Nun bin ich auf den Blog der Gruppe Morgenthau gestoßen und kann den Text nochmal für alle öffentlich machen und selber bloggen.

»Der einfachste soziale Sachverhalt: daß man, wo zwischen zwei ›Übeln‹, denen man sich ausgesetzt fühlt, zu wählen ist, das ›kleinere‹ zu wählen hat, wenn man ihm schon nicht im Innersten für die Abwehr des größern dankbar sein will, und daß man, wenn man sie durch einen Angriff gegen das kleinere stört, des Erfolges gegen beide gewiß sein muß«. (Karl Kraus) An der mit diesem politischen Einmaleins verbundenen Denkanstrengung und seinen praktischen Konsequenzen ist die Linke gescheitert. Dort, wo man noch mit sich selbst hadert und der kulturalistisch verklausulierten Vorliebe für islamische Herrschaft mit Skepsis begegnet, entstehen Dokumente einer moralisch-intellektuellen Krise, mithin verzagte bis verzweifelte Versuche, trotz allem den Laden zusammenzuhalten. Die Geschehnisse im Iran sind nur der aktuelle Hintergrund, vor dem dieses zuweilen groteske Drama ein weiteres Mal zur Aufführung gelangt.
Nachdem man sich Jahre lang nicht nur in linken Kreisen für die Menschenschinderei in der Islamischen Republik Iran desinteressiert gezeigt hatte, kamen die Solidaritätsbekundungen der vergangenen Wochen auf den ersten Blick überraschend. Auch die Autonome Antifa [F] hatte lange Zeit zum islamischen Übel geschwiegen. Nun fordert man die »Unterstützung der Revolte im Iran« und zeigt sich empört angesichts der betonten Zurückhaltung der Bündnisgenossen. Fürwahr: Die Sprachlosigkeit all derer, die für gewöhnlich um keine Wortmeldung verlegen sind, wenn es darum geht, jedes noch so kleine Rinnsal volkstümlicher Entrüstung auf die Mühlen sozialrevolutionärer Agitation zu leiten, ist nachgerade verabscheuungswürdig.
Gleichwohl hat sich mit der Entdeckung der iranischen Oppositionsbewegung keineswegs die Erkenntnis durchgesetzt, dass dort einzig und allein ein Systemwechsel hilft, der die Beseitigung der Mullah-Diktatur beinhaltet. Ebenso wenig haben sich die projektiven Sehnsüchte, die immer am Werk sind, wenn deutsche Rebellen international stattfindende Aufstände begutachten, keineswegs zu reiferen Formen der Wirklichkeitsdeutung entwickelt. Nachdem das Mullahregime auf die nach Ungereimtheiten im Zuge der Präsidentschaftswahlen aufgeflammten Proteste mit brutaler Gewalt reagierte, heftet sich die Sehnsucht nach einem guten Islam nun bei manchen auf den Teil der Demonstranten, der für den authentischen Geist der Khomeini-Revolution einstehe. Der plötzliche Stimmungsumschwung hat augenscheinlich jedoch noch andere, nicht weniger zweifelhafte Gründe. Er ist Ausdruck der Verlogenheit des europäischen Friedensfundamtentalismus; ein Friedensfundamentalismus, der bereit ist, Israel dem Wahn von Staatsantisemiten und Vernichtungsrackets auszuliefern. Man hofft, die, die in Teheran auf die Straße gehen, mögen einem die Arbeit abnehmen: einem die notwendige Entscheidung für eine militärische Intervention ersparen, über die man sich seit Jahren im Jargon pseudodialektischen Bescheidwissens erhaben dünkt.
Fraglos: Ein Umsturz durch die Bevölkerung wäre zu wünschen. Vor allem denen, die sich ein besseres – und das ist: ein westlicheres – Leben ersehnen. Allem Anschein aber steht den Frauen, die nicht länger der sexualfeindlichen Herrschaft islamischer Patriarchen ausgeliefert sein wollen; den Homosexuellen, die nichts anderes als den Tod finden sollen, sowie den Jugendlichen und jung Gebliebenen, die hedonistisches Suchen und Hoffen dem kollektiven Todeskult vorziehen, eine Mehrheit entgegen, die bereit ist, den Tugendterror im Gottesstaat zu ertragen oder fortzusetzen.
Erinnert sei bei aller Begeisterung auch daran, dass mit dem persischen Obama Mousavi keine Säkularisierung zu erwarten wäre. Das Programm bestünde weiterhin aus jeder Menge Racket, Familienbande und Sharia. Überhaupt: Nicht erst der Wahlbetrug und die daraus resultierende Empörung der Demonstranten auf den Straßen Teherans hätten darüber Aufschluss geben können, dass da etwas mehr als faul ist in der islamischen Republik. Derweil man hierzulande hektisch Solidaritätsadressen formuliert, um sich mit dem Nimbus subversiver Protestbewegungen zu umgeben, und sich am Pathos exiliranischer Podiumsteilnehmer erfreut, bauen die Mullahs, wahrscheinlich mit Einverständnis nicht weniger Iraner, weiter an der Bombe.
Die Neigung, salbungsvoller zu schreiben, wenn Widerstand gegen absolut abschaffenswerte Zustände erlebt wird, ist eine Schwäche, die unter Umständen zu verzeihen ist. Spätestens dann, wenn die Ausrufung einer Kampfgemeinschaft unter dem Banner der Solidarität zum Selbstzweck sich drapiert und das solidarisierende Bewusstsein an der Prüfung der Realität wohlig scheitert, schlägt Empathie in Ideologie um. Die unzählbaren Solidaritätsbekundungen der vergangenen Tage und Wochen in Richtung Iran erscheinen größtenteils im Jargon heroisierender Herz- und Geisterweichung, der nicht nur die Sicht trübt, sondern auch die notwendigen Differenzen nivelliert. Das sollte vor allem jene nachdenklich stimmen, die an anderer Stelle aus gutem Grunde großen Wert darauf legen, nicht oder nicht mehr in das notorische Geraune der ausgebildeten linken Gemeinde einzustimmen, welches sich auf immergleiche Formeln kapriziert. Schön wäre es, wenn zumindest die proisraelischen Gegner des Staatsjihadismus einsähen, dass die Kompromissbereitschaft für reale politische Ziele und der überschwänglich vorgetragene Optimismus im Hinblick auf die iranische Protestbewegung ein wenig zu weit gehen.

Die »Antifa F«, die ihr Unvermögen, Kritik zu entfalten, als Überwindung »linker Grabenkämpfe« zwischen Antideutschen und Antiimperialisten konzeptualisiert und mit diesem Billigangebot seit Jahr und Tag hausieren geht, hätte zwecks Verbreiterung ihrer neuesten Aktionswoche gegen das »iranische Regime« auch gerne jene Antisemiten im Boot, die nicht gegen Juden, sondern gegen Israel hetzen. Weil man weiß, dass Vereinigungen wie die »Antifaschistische Linke Berlin«, die »Interventionistische Linke« oder die Antinazikoordination aus Frankfurt im Zweifelsfall an der Seite der Arab-Kids gegen Israel stehen, umgarnt man sie mit der in Deutschland am meisten verpflichtenden Tugend. Die Parteinahme für die iranische Opposition sei, schreibt die Autonome Antifa [F] in ihrem Text, »schon aus Antimilitarismus« verpflichtend. Denn mit »jeder Schwächung des Regimes, das den Iran zur Nuklearmacht machen will, wird eine militärische Konfrontation im Nahen Osten unwahrscheinlicher«. Die »Vermeidung militärischer Konfrontationen« ist nicht nur ein Grundbedürfnis des Deutschen von heute, sondern zugleich das diplomatische Mittel, mit dem der tagtägliche Verrat an Israel über die Bühne geht. Dass Pazifismus von Leuten nachgeäfft wird, die an anderer Stelle vom Militanzgehabe nicht lassen können, verweist auf die moralische und politische Verkommenheit einer kompletten Szene. Weil die Linken, ob in Parteien, selbstverwalteten Jugendzentren oder Infoläden, wissen, dass die militärische Verteidigung das einzige ist, was Israel im Ernstfall bleibt, kommen sie in der Beschwörung des Antimilitarismus nicht zur Ruhe.
Schaut man sich den terminologischen Mummenschanz an, den die Antifa [F] veranstaltet, um die eigene Zielgruppe für ihren Postone-geTÜVten »neuen Internationalismus« zu erwärmen, wünscht man sich, sie hätten weiterhin geschwiegen. Die Geschäftigkeit, mit der hier ein fraglos wünschenswerter Umsturz herbeizuschreiben versucht wird, soll darüber hinwegtäuschen, dass zumindest mittelfristig nur eine militärische Intervention von außen Schlimmeres zu unterbinden vermöchte. Zu kritischer Perzeption unfähig, macht man Hamas und Hisbollah folglich in der Sprache der FdGO zu rechtsradikalen Organisationen, statt sie als die zu bezeichnen, die sie sind: Massenmörder im Wartestand. Die Wurstigkeit, welche die Antifa [F] mit ihrem illusorischen Konzept eines neuen Antimilitarismus auf ideologische Butterfahrt durch linksdeutsche Geistesprovinzen gehen lässt, ist mitnichten dazu geeignet, einen Krieg im Nahen und Mittleren Osten zu verhindern, sondern dazu, den Mullahs eine weitere Atempause auf ihrem atomaren Feldzug gegen Israel und alle Ungläubigen zu verschaffen.
Wie erfolgreich der Kampf der Protestierenden verläuft und ob er entscheidend Besseres bringt, ist offen. Ob sein Ausgang durch pressekompatible Unterschriftenaktionen, Iran-Konferenzen oder Protestformen gegen deutsche Firmen sinnvoll beeinflusst werden kann, bleibt nicht nur zweifelhaft, weil das Publikum fürs laute Getrommel fehlt. Die Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten von Mehrheiten und die Interessen von etwas Mächtigeren setzt Mäßigungen voraus, die sich im Resultat vor der Kraft des islamischen Unheils blamieren. Die Kritik der deutschen und islamischen Ideologie wäre zwar weiterhin stiller, dafür aber zersetzender als taktierendes Spektakel. Die praktische Israel-Solidarität hat sich zu einem Geschäft gemausert, das auf wirtschaftspolitisches Gezänk abonniert ist und nicht viel mehr als peinliches Expertentum und moralisches Appellieren zu bieten hat. Die Entscheidung, Eventpolitisches der kritischen Zerstörerarbeit vorzuziehen hat dafür gesorgt, dass nun die karrieregeilen ebenso wie die antifaschistischen Resteverwerter kommen. Zur Strafe muss man nun auch nach dem Studium Doktoren lauschen und darf sich glücklich schätzen, Gruppen wie die Antifa [F] als autonomen Flügel von »Stop the bomb« zu wissen.
Aber machen wir uns nichts vor: Auch Ideologiekritik kann letztlich nicht mehr ausrichten, als all jene Ideologen ihrer unlauteren Motive zu überführen, die den Eingriff von IDF und US-Army zu verhindern trachten.

(erschienen in: Jungle World 30/09)

bonzen und muttersöhnchen verpisst euch

vergessen blieb…heute früh wurden die rutsche und eine schaukel auf einem prenzelberger spielplatz demoliert und mit glasscherben bspickt. schriftzüge „bonzen und muttersöhnchen verpisst euch!“ deuten auf einen politischen hintergrund.

via scheckkartenpunk

in berlin scheinen die sogenannten actionweeks im vollen gange zu sein. bleibt zu hoffen, dass es zur tempelhofbesetzung regnet.

Solidarität mit den Hausbesetzern in Erfurt!

Hier ein Video von der TLZ

Solidaritätserklärung von Autonomen Gruppen aus Hamburg:
„Solidarität mit den Besetzer_Innen in Erfurt! Deutschland zerscheppern! „


Soliaktion in Frankfurt

Pressemitteilung der Redical M

„Solidaritätsdemonstration nach Häuserräumung in Erfurt eingekesselt
Polizei beginnt das Säbelrasseln vor dem Nazi-Aufmarsch in Friedland

Am frühen Morgen des 16. April wurde in Erfurt die seit 8 Jahren besetzte ehemalige Ofenfabrik „Topf & Söhne“ durch die Polizei geräumt. Dort waren bis 1945 unter anderem Verbrennungsöfen für Konzentrationslager hergestellt worden. Erst die BesetzerInnen hatten dies ans Licht der Öffentlichkeit geholt und in der alten Fabrik ein Wohn- und Kulturprojekt aufgebaut. Mit einem massiven Polizeieinsatz, der eher an Fernsehbilder von „Anti-Terror-Einsätzen“ erinnerte als an eine Häuserräumung, wurde diesem Projekt nun ein vorläufiges Ende gesetzt.

Aus Solidarität mit den BesetzerInnen und aus Protest gegen den Polizeieinsatz versammelten sich noch am gestrigen Abend 70-80 Menschen in der Göttinger Innenstadt. Unter dem in Göttingen üblichen Vorwand, dass die Demonstration nicht angemeldet sei, wurde die Demonstration kurz vor Ende der Fußgängerzone durch die Polizei gestoppt und eingekesselt. Als TeilnehmerInnen versuchten aus dem Kessel auszubrechen, setzte die Polizei Schlagstöcke und Pfefferspray ein. 56 Menschen wurden vorläufig Ingewahrsam genommen und mit Strafanzeigen belegt. Die letzten Menschen konnten den Kessel erst nach dreieinhalb Stunden wieder verlassen.
„Ganz offensichtlich war es von Anfang der politische Wille der Polizeiführung diese Demonstration zu verhindern und an den TeilnehmerInnen ein Exempel zu statuieren.“ erklärte Alexandra Kahrlo, Sprecherin der redical M. Denn eine Anmeldung sei versammlungsrechtlich bei Spontandemonstrationen nicht notwendig. Außerdem hätte das riesige Polizeiaufgebot jederzeit die Kontrolle über die Demonstration gehabt.

„Dieser Polizeieinsatz ist als Versuch einer Machtdemonstration der Göttinger Polizei zu verstehen“ so Kahrlo weiter. „Dass in letzter Zeit auch einmal Demonstrationen in Göttingen unangemeldet gegen die Polizei durchgesetzt wurden, scheint der Polizeiführung immer noch ein dicker Dorn im Auge zu sein. Anders ist das völlig unverhältnismäßige Vorgehen nicht zu erklären.“

„Auch der geplante Nazi-Aufmarsch in Friedland dürfte eine Rolle für dieses Einsatzkonzept gespielt haben. Die Polizei will offensichtlich eine »zero tolerance-Linie« einschlagen und den legitimen Widerstand ersticken. Zudem dienen die über 50 eingeleiteten Strafverfahren ganz klar der Einschüchterung von AktivistInnen.“ vermutete Alexandra Kahrlo.

„Die Polizei kann sich aber sicher sein, dass dieses Kalkül nicht aufgeht – im Gegenteil: Bei vielen Menschen steigert dies nur den Willen mit den eigenen, legitimen Mitteln gegen den Nazi-Aufmarsch vorzugehen, auch aus Solidarität mit den nun von Repression Betroffenen.“



Spontandemo in Göttingen

Soli-Randale in Dresden

Solidemo in Potsdam


Spontandemonstartion in Nürtingen


Solidarität aus Köln


Soli-Randale aus Berlin


solidarische Grüße aus Hamburg

Randale in der Erfurter Innenstadt


Neubesetzung in Erfurt


Solidemo in Giessen


Scheinbesetzung und Sponti in Ilmenau


Brennde Autos und Festnahmen


Sponti+++Stillbesetzungen+++Bullenärger+++nächtliche Brände+++ in Würzburg


Solidemo in Münster

Zusammenfasung von Aktivisten aus Erfurt


Brandanschläge in Weimar


Solidemo in Düsseldorf


Solidarität aus Köln


Krawalle in Leipzig


Chemnitzer Solierklärung

Spontandemo in Lübeck

Brandanschlag auf Bullenstation

Solidemo in Oldenburg

Soliaktionen in Gotha

Scheinbesetzungen in Gera

Sponti in Rostock

Solisponti in Nürnberg

Eltern gegen Repression


Anquatschversuche in Erfurt

Ausladung!



wenn wir ne Party planen^^

…so deutsch ein Stolzer zu sein

Kritik am „Chemnitzer Friedenstag“

gefunden beim Infoblog der Antifaschistischen Aktion Karl Marx Stadt

Anlässlich der jährlichen stattfindenden Gedenkveranstaltungen zur Bombardierung Chemnitz im zweiten Weltkrieg hat sich das Autonome HistorikerInnen Kollektiv gebildet um sich mit der existierenden Gedenkpolitik zu befassen. Wir verweisen hierzu auf die Veranstaltung am 5.3. um 19:00 in der Reitbahnstrasse 84 „Dissolution: Wie mediale Erinnerungspolitik Geschichte in Bilder auflöst.“, die sich näher mit dem medialen deutschen Opferkult beschäftigt. Es folgt nur der Text des HistorikerInnen Kollektivs:

Ausgeblendete Realität

Es ist ein eigenartiges Phänomen, wie in Deutschland Städte ihre Bombardierung gegen Ende des Zweiten Weltkrieges entdecken und diese zum Anlass nehmen, endlich „deutschen Opfern“ zu gedenken. In den letzten Jahren erreichten revisionistische und revanchistische Forderungen, gestützt auf das Vorrücken der NPD in die Länderparlamente, ein immer größeres Publikum. Jedoch war der Eklat im sächsischen Landtag 2005 rund um die Rede des NPD Abgeordneten Jürgen W. Gansel zu den Luftangriffen auf Nazideutschland und im speziellen auf Dresden, in der er die alliierten Angriffe „Bombenholocaust“1 nennt, nicht der Startschuss zu einer Umdeutung der deutschen Geschichte, einer Relativierung des Holocausts und der Aufhebung der Täter – Opfer Beziehung zwischen nationalsozialistischem Deutschland und Alliierten.
Denn schon lange im Vorfeld dieses Geschehnisses im sächsischen Landtag manifestierten sich die Grundsteine derartiger Argumentationslinien im Denken von Teilen der deutschen Gesellschaft. So formulierte Norbert Frei 1996: „Mitte der fünfziger Jahre hatte sich ein öffentliches Bewusstsein durchgesetzt, das die Verantwortung für die Schandtaten des ‚Dritten Reichs’ allein Hitler und einer kleinen Clique von ‚Hauptkriegsverbrechern’ zuschrieb, während es den Deutschen in ihrer Gesamtheit den Status von politisch ‚Verführten’ zubilligte, die den Krieg und seine Folgen schließlich sogar selber zu ‚Opfern’ gemacht hatten.“2

Solch ein Bewusstsein wird heute fortgeführt mit einer „knoppschen“3 Geschichtsdarstellung4, welche das „Hitler war`s“ – Denkmuster propagiert und historische Schuld auf Dritte projiziert, um so eigenes Handeln von Verantwortung zu bereinigen. Im Kontext einer solchen Geschichtsschreibung ist es nicht verwunderlich, dass die offiziellen Gedenkveranstaltungen an „deutsche Opfer“ problemlos Anknüpfungspunkte bieten für Nazis, weit mehr noch sind sie aufgrund ihres revisionistischen Charakters generell kritisieren. Denn solch eine relativierte Geschichtsschreibung liefert – gewollt oder nicht – die Basis, um einen neuen „unvoreingenommenen“ deutschen Nationalismus gesellschaftsfähig zu machen und so zu etablieren.

In der Öffentlichkeit ist das kollektiv identitäre Gedenken ein äußerst emotional diskutiertes Thema. Emotionalisiert wird es vor allem durch jene Deutschen, die die Bombardierungen im Zuge der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus erlebten und teilweise noch immer leben bzw. vielen noch in Erinnerung sind mit ihren Erzählungen. Dennoch darf die Diskussion über die Bombardierung und der Umgang damit heute nicht emotionalisiert werden. Zwingend notwendig ist vielmehr eine kritisch geführte Auseinandersetzung mit deutscher Erinnerungskultur.

Gerade im Kontext der Tatsache, dass es sich nicht um einen Diskurs handelt, wie Mensch über seine Großeltern in den eigenen vier Wänden trauert, sondern dass es um ein institutionalisiertes, kollektives Ereignis geht, getragen von Städten, Gemeinden, Parteien und verschiedenster BürgerInneninitiativen, es sich also um ein Politikum handelt, ist eine distanzierende Betrachtung gerade im komplex historischen Zusammenhang notwendig.
Auffällig ist, dass die kollektive Geschichtsschreibung fast überall mit den Bomben auf die betreffende Stadt beginnt. Einer Auseinandersetzung mit den Gründen, weshalb überhaupt deutsche Städte bombardiert wurden, bleiben die InitiatorInnen von Gedenkveranstaltungen meist schuldig bzw. speisen dies mit einem lapidaren Querverweis auf den Kontext des Zweiten Weltkriegs ab. Eine fundierte Auseinandersetzung mit der Rolle der betreffenden Stadt und deren Bevölkerung im Nationalsozialismus findet fast nicht statt, es handelt sich scheinbar immer um eine unschuldige Zivilbevölkerung, deren Bombardierung sinnlos und wenn nicht das, so doch mindestens absolut überzogen gewesen sei.

Eine historische Reflexion über die Ideologieelemente des Nationalsozialismus, sprich eliminatorischen Antisemitismus und Antiziganismus, Rassismus, Volksgemeinschaftsideologie, Homophobie und Sexismus sowie expansorischen Nationalismus finden nicht statt. Ebenso wenig wird die ideologische Durchdringung der Gesellschaft, einhergehend mit der Billigung und Beteiligung der Deutschen an den nationalsozialistischen Verbrechen reflektiert. Der Bruch mit der bis dahin erreichten Emanzipation, die Ermordung und Zermürbung politischer Feinde (KommunistInnen und SozialdemokratInnen) und das ideologisch forcierte Beginnen und Führen eines Kriegs, all diese Themen werden großspurig Übergangen. Endlich sei es an der Zeit, die eigenen „Opfer“ zu betrauern und eigene Vorwürfe zu formulieren über „unverhältnismäßige Kriegsführung der Alliierten“.
Nur wer es schafft, die Geschichte auszublenden, die historischen Kausalitäten zu ignorieren, kann unseres Erachtens nach die Bombardierung deutscher Städte zum Anlass nehmen, um institutionalisiert und identitätsstiftend zu trauern. Der „Chemnitzer Friedenstag“ kann das.

„Chemnitzer Friedenstags“ zwischen Trauer und Vergessen

Der „Chemnitzer Friedenstag“ wird seit 2002 am Jahrestag der intensivsten Bombardierung von Chemnitz, was am 5. März 1945 geschah, begangen. Er wird organisiert von einem Bündnis aus Privatpersonen, Kulturschaffenden, KommunalpolitikerInnen und RepräsentantInnen einiger Chemnitzer Kirchgemeinden unter maßgeblicher Regie des „Bürgervereins FUER CHEMNITZ e.V.“.

Die Argumentation der InitiatorInnen im Hinblick auf die historischen Hintergründe lässt erschaudern. Keine Zeile zur Sonderrolle von Chemnitz im Nationalsozialismus, zur Beleuchtung der Hintergründe eines Vernichtungskrieges und der nationalsozialistischen Ideologie. Stattdessen begibt sich mensch auf eine abenteuerliche Reise durch eine obskure Argumentation, warum der 05. März der Tag ist, an dem sich in Chemnitz für den Frieden engagiert wird.
Versucht mensch sich über die historischen Hintergründe zu bilden wartet die Webseite auf mit „Bomben auf Chemnitz – die Fakten“. Erläutert wird, ab wann Chemnitz bombardiert wurde, wie viel Tonnen Bombenlast über die Stadt niedergingen und wie viele Tote infolge der Angriffe gezählt wurden. Das sind „die Fakten“.

Pikanterweise widmet der „Friedenstag“ nicht nur den Totenzahlen (3600-40005) der Luftangriffe einen speziellen Absatz, sondern addiert zu diesen explizit noch die Gefallenen der Wehrmacht und der Waffen-SS hinzu. Die Praxis, jene Personen exemplarisch hinzuzurechnen, welche sich an einem Angriffskrieg beteiligten und in großen Teilen Europas und Nordafrikas mordeten und brandschatzten – im Text der Homepage nennt sich das: bei „aktiven Kriegshandlungen“6 zu fallen – spricht über die eigentliche inhaltliche Positionierung des „Friedenstages“ Bände. Komplett ignoriert wird, dass Chemnitz ein Außenlager des Konzentrationslager Flossenbürg7 besaß; ebenso kein Wort dazu, dass in Chemnitz circa 31.0008 ZwangsarbeiterInnen verschiedener Nationalitäten schuften mussten. Keinerlei Erwähnung finden auch die aus Chemnitz in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportierten Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, KommunistInnen, SozialdemokratInnen und die sterilisierten bzw. ermordeten, weil als behindert und psychisch krank stigmatisierten, Menschen.
Alles unwichtige Details, welche in keinem Zusammenhang mit der Bombardierung der Stadt Chemnitz stehen?
Allerdings kommt auch der Chemnitzer „Friedenstag“ nicht um die Frage herum, warum Chemnitz eigentlich bombardiert wurde. Anstatt jedoch eine regionalgeschichtliche und gesamtgesellschaftliche Ursachenforschung zu forcieren, wird eine groteske Debatte losgetreten.

Douhetismus statt Ursachenforschung

Unter der Überschrift „Bombardierung von Großstätten – die Hintergründe“ versucht der „Chemnitzer Friedenstag“ zu erklären, weshalb gerade am 05. März ein Friedenstag stattfindet. Untertitelt wird großspurig mit „Argumente zu den historischen Zusammenhängen“9. Doch die „historischen Zusammenhänge“ setzen sich wesentlich anders zusammen, als historisch bewanderte Lesende womöglich vermuten.
Die InitiatorInnen formulieren rhetorisch: „die Frage nach dem ‚Warum?’ [Chemnitz bombardiert wurde] treibt die Menschen bis heute um.“10 Doch anstatt die Rolle der Stadt im Nationalsozialismus aufzugreifen werden kriegsstrategische Gründe maximal sanft erwähnt – weder die kriegsnotwendige Industrie unter regionalgeschichtlichen Aspekten findet Erwähnung, geschweige denn die Rahmenbedingungen und Ursachen des Zweiten Weltkriegs an sich.

Kein Wort zu einem Chemnitz, welches bekannt war als das „sächsisches Manchester“ und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wichtigster Maschinenbaustandort in ganz Deutschland11 war. Für die kriegsnotwendige Rüstungsproduktion arbeiteten unter anderem die Astra Werke AG, die Auto Union, David Richter AG, Maschinenfabrik Germania AG, Maschinenfabrik Kappel, Nationale Automobil-Gesellschaft, Sächsische Textilmaschinenfabrik (zuvor Richard Hartmann AG) sowie die Wanderer Werke12, um nur einige Beispiele zu nennen. Bis Anfang 1945 nahm das Gesamtvolumen der Rüstungsproduktion zu, die Fertigungsarbeiten wurden erst mit dem Einmarsch alliierter Truppen in Chemnitz eingestellt. Diese Hauptursache der Bombardierung von Chemnitz wird weder dargestellt, erklärt oder erwähnt. Der „Chemnitzer Friedenstag“ schafft es, Jahrzehnte deutscher Geschichte auszublenden und die Schuldfrage der Bombardierung einem 1930 gestorbenen italienischen Luftstrategen unterzujubeln, Giulio Douhet, sowie einer europäischen Zivilgesellschaft, welche in den 1920er und 1930er Jahren nicht gegen Douhets Militärdoktrin sowie die Aufrüstung mit Fernbombern intervenierte13.
So unhaltbar diese Argumentation zur Schuldfrage auch ist, so furchtbar zynisch ist sie in Bezug auf Deutschland im Kontext der historischen Realität. Zynisch deshalb, weil es der Weimarer Republik nach dem Versailler Vertrag von 1919 verboten war, Luftstreitkräfte zu unterhalten14. Der Argumentationskette des „Friedenstages“ folgend würde die deutsche Zivilgesellschaft indirekt von dem Vorwurf der mangelnden Intervention befreit, erst die Nazis brachen offen mit dem Versailler Vertrag und rüsteten umfassend auf.
Somit richtet der „Chemnitzer Friedenstag“ seine Kritik und Schuldzuweisung an „fast alle europäischen Städten“15, welche sich Fernbomber anschafften sowie an Giulio Douhet, einen Vordenker des Luftkriegs. Elegant weicht der „Friedenstag“ damit der Frage nach der Ursache des Zweiten Weltkrieges aus und konstruiert eine europäische Universalschuld, welche die eigene historische Rolle reinwäscht und so erst die Möglichkeit gibt, die „eigenen Opfer“ zu betrauern, ohne im Kontext der historischen Realität anstößig zu wirken.
Durch solch eine Argumentation wird der Umgang mit deutscher Geschichte unseres Erachtens nach jedoch nicht „normalisiert“, sondern mittels Schuldprojektion die Geschichte umgeschrieben und umgedeutet, was nichts anderes als eine Relativierung historischer Wahrheiten ist.

Grundlage für Naziargumente

In Chemnitz manifestiert sich ein Gedenkdiskurs, vergleichbar mit dem in Dresden rund um die Bombardierungen des 13./14. Februar 1945. Im Rahmen von Dresden gelang es Nazis erstmals, eine größere Anzahl von BürgerInnen in ihre
Trauermarsch einzubeziehen. Dass diese Entwicklung von Nazis auch in Chemnitz forciert wird, belegt unter anderem der überraschend lapidare Slogan „Mord an unschuldigen Frauen und Kinder auch in Chemnitz“16.
Bei einer Umdeutung der Geschichte durch die bürgerliche Gesellschaft bedarf es nicht einmal mehr des Geschichtsrevisionismus der Nazis, vielmehr können diese nahtlos an die zivilgesellschaftliche „Gedenkkultur“ anknüpfen.
So vollzieht sich jährlich ein Spektakel auf dem Städtischen Friedhof, ähnlich dem am Dresdner Heidefriedhof, bei dem die Chemnitzer Politikprominenz gemeinsam mit Nazis andächtig ihre Kränze niederlegt, welche ungestört nebenbei noch das ein oder andere Transparent entrollen. Außer verbalen Abgrenzungen, mensch habe mit Nazis nichts zu tun, findet keine inhaltliche Auseinandersetzung statt – wie auch – schließlich wird diese Thematik nicht von Nazis „besetzt“ oder „instrumentalisiert“, sondern lediglich um einige Aspekte erweitert. Nazis verwenden vielleicht eine offensichtlichere Rhetorik (z.B. das Wort „Bombenholocaust“) und das Repertoire des Revisionismus wird durch Revanchismus ergänzt. Der Kern des Inhalts aber bleibt derselbe, denn dieselben Toten werden betrauert, nur die Form ist eine andere.

Gegenstandpunkt

Resultierend aus vorausgegangener Argumentation lehnen wir „Gedenkveranstaltungen“ im Kontext der Bombardierung deutscher Städte und somit die Konstruktion „deutsche Opfer“ ab, da diese die historische Realität verfälschen und einen „deutschen Opfermythos“ konstituieren. Verwiesen sei hier aber auch noch einmal auf die anfangs formulierten Zeilen, dass nicht Zerstörung und mögliches Leid der damals lebenden Menschen negiert wird, wir jedoch konstatieren, dass diese Emotionalisierung in keiner Form den Rahmen bildet für kollektives Gedenken vermeintlicher Opfer als Masse.
Wir sprechen uns auch nicht gegen einen Friedenstag oder die Kritik an Krieg und dessen Durchführung aus, sondern begrüßen solches Engagement. Jedoch ist die Bombardierung von deutschen Städten im Zweiten Weltkrieg und Chemnitz im speziellen als Anlass für einen Friedenstag, der das aufgezeigte Korsett an Argumentation übergestülpt bekommt, falsch. Engagement für den Frieden fordert eine reflektierte Auseinandersetzung von Ursache und Wirkung – selbstverständlich auch bei aktuellen Konflikten. Genau das vermissen wir.
Wir fordern nichts anderes als einen kritisch reflektierten Umgangs mit der deutschen Geschichte. Dies bedeutet, die historische Realität einer in der Summe nationalistisch, rassistisch und antisemitischen handelnden bzw. dies billigenden Gesellschaft im „Dritten Reich“ zu akzeptieren und die logische Konsequenz daraus zu ziehen: mit dieser zu brechen! Ganz konkret darf deshalb heute nicht versucht werden, mit einem „Opferdiskurs“ vermeintlich positive Brücken in die nationalsozialistische Vergangenheit zu schlagen.

GEGEN DIE VERDREHUNG DER GESCHICHTE.
FÜR DIE GEISTIGE UND MATERIELLE EMANZIPATION DES MENSCHEN.

Autonomes HistorikerInnen Kollektiv
Chemnitz, Februar 2009

1. Vgl. Rede von Jürgen W. Gansel am 21. Januar 2005 im Sächsischen Landtag. [zurück]
2. Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS Vergangenheit, 1996, S. 405. [zurück]
3. Gemeint ist Guido Knopp, dt. Journalist und Regisseur von u.a. „Hitlers Helfer“, „Hitlers Krieger“ etc.. [zurück]
4. Vgl. u.a. Hannes Heer: Hitler war’s, 2008, S. 160. [zurück]
5. Vgl. . [zurück]
6. Vgl. ebenda: „Mehr als doppelt so viele Chemnitzer, nämlich rund 8300 Angehörige der Wehrmacht und der Waffen- SS, fielen im 2. Weltkrieg bei aktiven Kriegshandlungen. Insgesamt muss also mit über 12000 Kriegstoten gerechnet werden, also ca. 3 % der Chemnitzer Vorkriegsbevölkerung.“ [zurück]
7. Aus dem Stadtarchiv, Heft 10 – Chemnitz in der NS Zeit, S.201. [zurück]
8. Aus dem Stadtarchiv, Heft 10 – Chemnitz in der NS Zeit, S.202. [zurück]
9. Vgl. . [zurück]
10. Vgl. ebenda: „Die Fakten [gemeint sind Bombenlast und Zahl der Toten, Anm. der Red.] zur Bombardierung von Chemnitz sind bekannt und unstrittig – doch die Frage nach dem “Warum?” treibt die Menschen bis heute um.“. [zurück]
11. Vgl. u.a. . [zurück]
12. Aus dem Stadtarchiv, Heft 10 – Chemnitz in der NS Zeit, S.176 ff., [zurück]
13. Vgl. . [zurück]
14. Friedensvertrag von Versailles 1919, Artikel 198. [zurück]
15. Vgl. . [zurück]
16. Schriftzug auf einem Aufkleber der Chemnitzer Naziorganisation „Freies Netz Chemnitz“ betreffend den 5. März 1945. [zurück]

Das war nicht der Kommunismus. PartII

Ich dokumentiere einen Text der Antifa Gruppe Südthüringen (AGST)

Arnstadt: „Ich bin ein Antikommunist, ein richtiger, echter Antikommunist“

Am vergangenen Mittwoch, den 25. Februar 2009 fand im Saal der Arnstädter Musikschule eine Veranstaltung mit Uwe Backes, dem stellvertetenden Leiter des Hannah Arendt Institutes für Totalitarismusforschung (HAIT) aus Dresden statt. Die Veranstaltung wurde zum Fanal für kruden Antikommunismus und die Relativierung des Holocaust. Es kam zu hitzigen Diskussionen, die gelegentlich fast in einen Tumult ausarteten.

Es waren weit über 50 Menschen gekommen. Die Mehrheit stellte eine Melange aus vermeintlichen und wirklichen DDR-Opfern, CDU-Hardlinern, Kriegsveteranen und der filzigen Clique um Arnstadts Bürgermeister Hans-Christian Köllmer, Pro Arnstadt, Waffenlobby, etc. Kurz: Eine Vollversammlung der ansässigen Geschichtsrevisionist_innen.

Der Anlass für die Veranstaltung war das Graffiti am Arnstädter Denkmal „für die Opfer kommunistischer Gewalt 1945-89″. Aktivist_innen hatten „Das war nicht der Kommunismus“ und „Gegen Geschichtsrevisionismus“ an das Denkmal gesprüht. (AGST berichtete). Unter dem Motto: „Es war nicht der Kommunismus?“ sollte diskutiert werden.

Wissenschaftlich unterfüttert wurde die Veranstaltung durch Dr. Uwe Backes vom Hannah Arendt Institut (HAIT) für Totalitarismusforschung aus Dresden. Das Institut ist sowas wie der erzkonservative think-tank der CDU/CSU. Das Institut und seine Politik sind höchst umstritten. So hat Eckhard Jesse, der Leiter des Instituts, den umstrittenen, aber durch die hiesigen Medien weitgehend unreflektiert übernommen, Extremismus-Begriff etabliert. (AGST berichtete)

Backes geriet nicht nur wegen der absurden Extremismus-Thesen seines Instituts in die Kritik. „Ende 1999 ermunterte Backes seinen Mitarbeiter Lothar Fritze, seine umstrittenen Thesen über den Hitler-Attentäter Georg Elser in der Frankfurter Rundschau zu veröffentlichen. Fritze hatte Elser das moralische Recht abgesprochen, als Schreiner und Einzelgänger ein Attentat auf Hitler durchzuführen und dabei den Tod von Unschuldigen in Kauf zu nehmen. Backes wurde deshalb auch innerhalb des Hannah-Arendt-Instituts scharf angegriffen und zum Rücktritt aufgefordert.“ (Quelle)
Auch erntete Backes Kritik für die These der Nationalsozialismus habe in Deutschland einen Modernisierungsschub bewirkt. Er tritt für eine „Historisierung“ des Nationalsozialismus ein, also für einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung, um einen Anknüpfungspunkt für einen „positiven Nationalismus“ zu schaffen.

Backes Argumentation bei der Veranstaltung, die DDR sei der Kommunismus bzw. Unfreiheit und Gewalt seien Wesensmerkmale des Kommunismus, war durch Widersprüche nur so durchsetzt. Sie umfasste auch nur geringe Teile seines Referates. Danach befasste er sich mit einer ausführlichen Exegese der Schriften Lenins und anderer Bolschewisten und schlidderte am Thema vorbei – bezeichnend für die in Arnstadt geführte Debatte. Die Verknüpfung von Kommunismus und Gewalt stellte er durch das Argument her, die Kommunisten hätten überall die Macht nur durch Zwang und Gewalt ergriffen. Die Nachfrage, welche bürgerliche Revolution gewaltfrei ablief und welches politische System sich denn ohne Gewalt und Zwang legitimiere, beantwortete er ausweichend und machte Zugeständnisse.
Ein weiteres vielsagendes Argument dafür, dass die Bezeichnung Kommunismus auf die DDR zutrifft: Die Repräsentanten der DDR nannten sich Kommunisten. Nach der kritischen Anmerkung, die Repräsentanten der DDR nannten sich auch Demokraten, war dieses Argument wohl auch erledigt.
Backes selbst nannte als Grundidee des Kommunismus ein egalitäres System vollkommener Freiheit und Gleichheit. Seine späteren Schilderungen über die Todeszahlen in der Sowjetunion und China widersprachen dieser Idee. Zum Schluss musste sich Backes selbst fast revidieren, als er eingestand es gäbe Kommunisten, die mit Fug und Recht behaupten könnten die DDR, SU, etc. seien nicht der Kommunismus gewesen.

Der wissenschaftliche Anstrich der Veranstaltung verfehlte sein Ziel nicht. Ein selbstgefällig referierender Stadt-Politiker monierte, man müsse die wissenschaftliche Faktenlage einfach anerkennen. Glücklicherweise unterwarfen sich die anwesenden Kritiker_innen nicht in dieser unreflektierten Weise der Argumentation des rechten Wissenschaftlers.

Die Moderation der Veranstaltung überließ man Hildigund Neubert, der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen, und damit hatte man den Bock schon zum Gärtner gemacht. Neubert machte sich zuvor lächerlich, als sie in DDR-Manier eine Gesinnungspolizei forderte und die Leugnung kommunistischer Verbrechen unter Strafe stellen wollte. (AGST berichtete)

Neubert suchte sich nicht nur die ihr genehmen Wortmeldungen aus der Menge der Diskutierenden heraus, sie unterbrach auch kritische Wortmeldungen. Wie die eines Menschen aus der Linken, der kritisierte, dass die anwesenden Geschichtsrevisionist_innen, den Kontext der sowjetischen Besatzungsmacht ausblendeten. Die Rote Armee sei kämpfend gegen den deutschen Faschismus von Stalingrad bis Deutschland gekommen.

Ein sich selbst sehr wichtig nehmender CDU-Opa meinte den als kommunistisch wahrgenommenen jungen Leuten im Raum entgegenbrüllen zu müssen, dass 4 Arnstädter Bürger von der Roten Armee ermordet worden. Den Grund für diese Ermordungen wusste er nicht zu nennen.

Seine Maske fallen, ließ auch Arnstadts Bürgermeister Köllmer (remember: der Busenfreund vom kürzlich verstorbenen Österreicher Rechtspopulisten Jörg Haider), der -selbstverständlich- vor allen anderen Wortmeldungen seinen Unsinn loswerden durfte. Köllmer glänzte mit Aussagen, wie „Ich bin ein Antikommunist, ein richtiger, echter Antikommunist“ oder „Kommunisten sind rot lackierte Faschisten“. Doch wie jeder billige Populist im Raum bekam auch er seinen Applaus von den mitgeschleppten Kameraden der Waffenlobby.

Hier wären wir bei einem wesentlichen Punkt der Veranstaltung. Die Geschichtsrevisionist_innen wollten genau hier hin kommen. Die Gleichsetzung von DDR/SU und Nationalsozialismus schien den Anwesenden ein großes Anliegen zu sein. Diese subtil hervorgebrachte Shoa-Relativierung gipfelte in Begriffen, wie „KZ-Politiker Lenin“ oder ähnlich dümmlichen Gepöbel und den ständigen Gleichsetzen von DDR und Dritten Reich. Es ging ihnen nicht nur um die Abrechnung mit der DDR, sondern um die Relativierung der eigenen Schuld und Verantwortung für den Holocaust.

Eine sehr sendungsbewusste Gruppe waren auch die vermeintlichen und wirklichen Opfer der DDR-Repression, die ständig auf die Verbrechen des DDR-Staatsapparates hinwiesen, auch wenn die keiner der Anwesenden leugnete und sie ja auch gar kein Thema waren. Es schien, als wollten sich die gegen Argumente resistenten Leute einfach mal in Szene setzen und ihr Leid mit denen der Juden während des Nationalsozialismus ins Verhältnis setzen.

Es gab nicht viele Übel aus dem geschichtsrevisionistisch-ideologischen Repertoire an diesem Abend, die nicht vorgetragen wurden.

Fazit

Ein rechter Wissenschaftler gab der Veranstaltung einen wissenschaftlichen Schein, überließ die direkte revisionistische Propaganda im Wesentlichen aber dem Mob um Köllmers Partei und Waffenlobby. So entartete die Veranstaltung teilweise in tumultartigen Szenen. Die Begründung, warum man die DDR als den Kommunismus bezeichnen kann, blieben die Anwesenden schuldig und beließen es dabei ihre Einzelschicksale auszurollen und Hasstiraden über den vermeintlichen Kommunismus in der DDR zu schieben.

Die zahlreich anwesenden Geschichtsrevisionist_innen zeigten, dass sie die DDR und ihre Unfreiheit mehr verinnerlicht hatten, als jene die sie ihr ungerechtfertigt zurechneten. In der Politik der oben angesprochenen Melange aus Geschichtsrevisionist_innen schlummert der Rückfall auf eine Gesellschaftsordnung, in der die freie Meinungsäußerung unter Strafe gestellt wird. Mit einer fortschrittlichen und emanzipatorischen Politik haben diese Leute soviel zu tun, wie Honecker und Krenz mit der Idee einer freien, besseren Welt.

„Sie wirken gebildet, intellektuell und menschenfreundlich zugleich“

Erkennungsmerkmale der Antideutschen

Aufgrund ihres auffälligen Verhaltens sind Antideutsche leicht zu erkennen:

* Sie wirken gebildet, intellektuell und menschenfreundlich zugleich
* Sie sind es außerdem tatsächlich
* Sie interessieren sich für Politik und gehen trotzdem nicht wählen
* Sie sind gegen alles (nur nicht gegen Israel)
* Sie reagieren allergisch auf die Wörter „Heimat“, „Einigkeit“ und „Vaterland“.

antideutschland

wer mehr will klickt bitte hier.

feierlichen Dank an Herman